Wie wichtig ist der erste Satz in einem Roman?


Ich sammle »erste Sätze«. Das ist so eine Art Hobby von mir. Wenn mir der erste Satz eines Romans besonders gefällt, stelle ich ihn hier auf meine Webseite.

Ein paar Klassiker sind dabei, aber auch unbekanntere Werke. Und ein paar Anfangssätze meiner Romane. Was denken Sie? Welches ist der beste Anfang?

Aber, Moment:



Was ist überhaupt ein guter Anfang?


Natürlich ist »gut« immer sehr subjektiv – die Geschmäcker sind da sehr unterschiedlich. Gut ist aber auf jeden Fall, wenn viele Leser weiterlesen möchten. Denn das ist es, was der Autor erreichen möchte.

Das kann erreicht werden mit einem ungeheuerlichen Ereignis, wie bei Kafka:

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Oder indem er Stimmung aufbaut wie bei Orwell (wo es zusätzlich ganz unauffällig Dreizehn schlägt):

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Es war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen gerade dreizehn, als Winston Smith, das Kinn an die Brust gepresst, um dem rauen Wind zu entgehen, rasch durch die Glastüren eines der Häuser des Victory-Blocks schlüpfte, wenn auch nicht rasch genug, als dass nicht zugleich mit ihm ein Wirbel griesigen Staubs eingedrungen wäre.



Oder ob der Leser gleich mitten in ein Drama geworfen wird, wie in »Nur zehn Tage«:

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Kein Film, stellte Midori fest. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass ihr ganzes Leben noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen würde, aber das war wohl auch eine leere Versprechung gewesen. War ja klar.



Manchmal steht zu Beginn eines Romans auch eine Art Motto, das dann im weiteren Geschehen bestätigt oder interpretiert wird, wie bei Tolstoi:

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Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.



All diese Sätze sind bestens dazu angetan, den Leser zum Weiterlesen zu animieren. Er möchte wissen, warum Gregor Samsa plötzlich ein Ungeziefer ist (dieser Wunsch wird leider enttäuscht), er ist neugierig, warum Midori glaubt, dass ihr Leben vor ihrem inneren Auge ablaufen sollte (stirbt sie gerade?), und was das für eine Welt ist, in der Winston Smith lebt.
Ob es dem Autor gelingt, das Interesse des Lesers zu wecken, hängt natürlich in erster Linie von dessen Geschmack ab.
Vielleicht ist es einfacher zu fragen, was
kein guter Anfang ist.


Was ist kein guter Anfang?


Viele Schreibratgeber warnen davor, den Protagonisten durch einen Tag zu begleiten und von vorne zu beginnen. Also mit dem Aufstehen.

Greta kuschelte sich in die Bettdecke. Sie gähnte.


Das werden die meisten Leser nachvollziehen können. Unzählige Romane fangen damit an, dass der Held im Bett liegt und aufsteht. Dann betrachtet er sich im Spiegel und gibt dem Autor so Gelegenheit, ihn zu beschreiben (noch ein böser Fauxpas!). Für den Autor ist es einfach, mit dem Morgen zu beginnen. Es spricht auch nichts dagegen, das so zu schreiben.
Aber bei der ersten Überarbeitung sollte der Autor alles löschen, was langweilig ist. Zum Beispiel so einen Anfang.


Ist der erste Satz wichtig?


Als Autor betrachte ich erste Sätze auch aus einem anderen Blickwinkel. Ich frage mich, was ich von guten ersten Sätzen lernen kann. Und was ein guter Anfang überhaupt »bringt«.
Ich finde, gerade für wenig bekannte Autoren ist es wichtig, dass der Beginn eines Romans gut ist. Dabei kommt es nicht nur auf den ersten Satz an, aber der erste Absatz muss sitzen. Haruki Murakami oder Jussi Adler-Olsen können (beinahe) schreiben, was sie wollen, ihre Bücher werden von Fans blind gekauft. Bei mir und anderen weniger bekannten Autoren ist das anders.

Unsere Romane müssen drei Hürden bewältigen:

(1) Das
Cover muss gefallen.
(2) Der
Klappentext (auch »blurb« genannt) muss das Interesse wecken.
(3) Der
Anfang muss spannend sein. In Zeiten von Amazons »Blick ins Buch« (das so ähnlich auch andere Online-Händler bieten), ist der Beginn besonders wichtig. Viele an einem Kauf interessierte werfen einen Blick auf den Anfang des Buchs. Anders als in einer Buchhandlung, wo man das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann, kommt damit dem Beginn eine besonders große Bedeutung zu. Fesselt die erste Seite den Leser nicht, hat er meist keine Lust weiterzulesen und wird das Buch nicht kaufen. Dann können die restlichen 499 Seiten noch so gut sein, der Leser wird es nicht erfahren, weil er nach fünf Sätzen abgebrochen hat.

Es kommt also nicht nur auf den ersten Satz an, sondern auf die ersten Seiten.

Die Bedeutung des Anfangs wird meiner Meinung nach noch zunehmen, da immer mehr Bücher online gekauft werden. Dazu kommt, dass Kunden immer weniger Geduld haben, sich auf ein Buch einzulassen, das sie nicht von Anfang an fesselt. Und das ist ihr gutes Recht, denke ich.

Na dann noch viel Spaß mit den ersten Sätzen auf dieser Seite – und vielleicht macht Ihnen der eine oder andere Anfang ja Lust, mehr zu lesen. Es lohnt sich.

Wenn Sie noch einen Wunsch haben, welcher Anfang »unbedingt« hierher muss,
schreiben Sie mir. Ich freue mich.

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